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Naturkraft: Wissensgeschichtliche Annäherung an ein Begriffsfeld (JMU Würzburg, 31.05.2019)

Beginning
31.05.2019
End
31.05.2019
Registration deadline
06.05.2019

Naturkraft

Wissensgeschichtliche Annäherung an ein Begriffsfeld

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Vortrag & Workshop

Julius-Maximilians-Universität Würzburg (31.05.2019)

Naturkraft, im Sinne einer den einzelnen Körpern, Organismen und Elementen mutmaßlich innewohnenden Fähigkeit zur (Um‑)Gestaltung einerseits, einer ‚der‘ Natur zugesprochenen und sich dort unabhängig jeglicher Einflussnahme entfaltenden Kraft andererseits, ist für die Sinne des Menschen schlichtweg unverfügbar. Ungeachtet dessen, ob man Naturkräfte physikalisch oder metaphysisch, mechanistisch oder teleologisch zu erklären versucht, können allein die Effekte, die transformatorischen Wirkungen solcher Kräfte von menschlichen Sinnen wahrgenommen werden; die Kraft selbst bleibt unbestimmbar und nur reflexiv zugänglich. Zudem lässt sich das ‚dunkle Spiel‘ der Naturkraft, die sich scheinbar willkürlich und regellos selbst verwirklicht, nur bedingt der menschlichen Herrschaft unterwerfen. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde über Naturkraft in der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte auch jenseits der Naturwissenschaften äußerst ambivalent gesprochen. Während man sich einerseits mit großem Pathos über Naturkraft als sowohl unbegreifliches als auch unbeschreiblich schönes Faszinosum und erhabenes Schauspiel der Natur äußerte, führte man sich gleichzeitig immer wieder mit Schrecken die Macht und Gewalt dieser ominösen Kraft vor Augen. Die Effekte einer solchen Naturkraft zeigen sich somit nicht nur darin, Veränderung in und von Körpern zu bewirken, sondern auch, indem sie äußerst heterogene Affekte erzeugen. Transformativ wirken können Naturkräfte somit auf (1) die Materie, aus der sie mutmaßlich hervorgehen, (2) die Gegenstände, auf die sie einwirken, aber auch auf (3) diejenigen Instanzen, die sich diesen Kräften sinnlich und/oder reflexiv zuwenden.

Gleichfalls ambivalent erscheint der Umstand, dass man in den Wissenschaften – spätestens seit der empirisch orientierten Auseinandersetzung mit Naturkräften im späten 16. Jahrhundert – einerseits unumwunden eingestand, dass über die Ursprünge und Ursachen dieser Kräfte aufgrund ihrer sinnlichen Unverfügbarkeit keine verlässlichen Angaben gemacht werden können, man andererseits jedoch (oder gerade deshalb) zu keinem Zeitpunkt davon abließ, den Begriff ‚Naturkraft‘ in wissenschaftlichen, literarischen und künstlerischen Darstellungen ästhetisch zu verarbeiten und sowohl semantisch als auch emotional aufzuladen. Wie aber hat man in den Epochen der Frühen Neuzeit und der ‚Sattelzeit‘ um 1800, in denen nicht nur neue Wissenschaftsfelder begründet, sondern auch neue erkenntnistheoretische und methodische Paradigmen etabliert wurden, mit den komplexen Effekten und ambivalenten Affekten im Zusammenhang mit Naturkräften umzugehen versucht? Welche theoretischen Zugriffe waren maßgeblich, um über den Begriff ‚Naturkraft‘, verwandte Konzepte wie ‚Naturmagie‘ und ihre jeweiligen phänomenalen Manifestationen nachdenken zu können? Und welchen Beitrag leistete die Literatur im Hinblick auf die Vor- und Darstellung der Ursachen, Formen und Auswirkungen von Naturkraft? Wie bestimmte die Fiktion dieses faktisch Unbestimmbare? Lässt sich Sprache als Naturkraft verstehen und wie kann Naturkraft dann sprachlich verarbeitet werden? Was bedeutet es, Naturkraft mit literarischen und rhetorischen Mitteln zur Anschauung bringen und somit sinnlich fassbar inszenieren zu wollen? Wie kann es dann beispielsweise aussehen, mittels „intellektuelle[r] Kräfte […] die verborgenen siderischen Kräfte der Natur freizulegen“[1]?

Diesen und weiteren Fragen wird der Vortrag von Herrn Prof. Dr. Maximilian Bergengruen sowie der daran anschließende Workshop am 31.05.2019 an der JMU Würzburg gewidmet sein. Ausgehend von der Lektüre eines vorab zur Verfügung gestellten Readers und dem Impulsvortrag von Prof. Dr. Bergengruen vertiefen die Teilnehmer*innen innerhalb des Workshops gemeinsam mit Maximilian Bergengruen und den Veranstaltungsorganisator*innen Conrad Fischer (JMU Würzburg) und Frederike Middelhoff (Universität Hamburg) das Thema aus einer literatur- und kulturwissenschaftlichen Perspektive. Der Fokus liegt dabei auf Texten der Frühen Neuzeit und der Zeit um 1800.

Maximilian Bergengruen, Professor am Institut für Germanistik der Universität Karlsruhe, hat sich in diversen Schriften mit dem semantischen Spektrum des Kraft-Begriffs auseinandergesetzt und die entsprechenden Konzepte aus einer wissensgeschichtlichen Perspektive mit literarischen Texten aus der Frühen Neu- und der Goethezeit enggeführt. In seinem Vortrag wird er diese Erkenntnisse im Hinblick auf den Begriff ‚Naturkraft‘ noch einmal neu auffächern und weiterführende Ausblicke auf das Themenfeld für das ‚lange 18. Jahrhundert‘ geben. Diese systematische Blickrichtung bildet die Grundlage für die gemeinsame Diskussion ausgewählter deutschsprachiger naturwissenschaftlicher, philosophischer und literarischer Texte im anschließenden Workshop. Erprobt werden soll auf diese Weise eine wissensgeschichtlich ausgerichtete Annäherung an die Vielschichtigkeit des Begriffs ‚Naturkraft‘ in der Frühen Neuzeit bis in das frühe 19. Jahrhundert.

Vortrag und Workshop stehen allen interessierten Studierenden, Promovierenden, Postdocs, Professor*innen und Mitarbeiter*innen der JMU Würzburg sowie externen (Nachwuchs‑)Wissenschaftler*innen offen. Anmeldungen für die Teilnahme am Workshop werden im Zuge dieser Ankündigung erbeten (für den Vortrag ist keine gesonderte Anmeldung erforderlich, alle Interessierten sind hierzu herzlich eingeladen). Ihre formlose Workshop-Anmeldung mit kurzen Angaben zur Person und zum fachlichen Hintergrund richten Sie bitte an naturkraft.uniwue@gmail.com. Anmeldefrist für die Teilnahme am Workshop ist der 06.05.2019. Kosten für An- und Abreise, Übernachtung und Verpflegung der Teilnehmenden können leider nicht übernommen werden, gerne unterstützen wir aber bei der Organisation des Aufenthalts in Würzburg.

Programm

Freitag, 31.05.2019 // Am Hubland, 97074 Würzburg, Zentrales Hörsaalgebäude, Raum 2.006

09.30 – 11.00 Uhr           Prof. Dr. Maximilian Bergengruen (Karlsruhe): Zwischen psychischer Krankheit und dämonischem Einfluss: Magnetismus in Hoffmanns Sandmann (Moderation: Frederike Middelhoff)

11.00 – 11.30 Uhr                  Pause

11.30 – 13.00 Uhr                  Naturkraft und Naturmagie in der Frühen Neuzeit

13.00 – 14.30 Uhr                  Mittagspause

14.30 – 16.00 Uhr                  Naturkraft um 1800 I

16.00 – 16.30 Uhr                  Pause

16.30 – 18.00 Uhr                  Naturkraft um 1800 II

18.00 Uhr                               Abschlussdiskussion, Resümee

18.30 Uhr                               Ende des Workshops

 

Die Veranstaltung wird unterstützt durch das Programm PROVED der Graduate School of Humanities Würzburg.Rückfragen zur Veranstaltung richten Sie bitte an: naturkraft.uniwue@gmail.com.

Veranstaltungsleitung:

Conrad Fischer (Lehrstuhl für neuere deutsche Literatur- und Ideengeschichte, JMU Würzburg)

Frederike Middelhoff (DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Imaginarien der Kraft“, Universität Hamburg)


[1] Maximilian Bergengruen: Verborgene Kräfte und die Macht des Gestirns. Zur Verschiebung alchemischer und astrologischer Gedankenfiguren im 16. und frühen 17. Jahrhundert und zur poetologischen Aneignung bei Philipp von Zesen, in: Thomas Strässle / Caroline Torra-Mattenklott (Hg.): Poetiken der Materie. Stoffe und ihre Qualitäten in Literatur, Kunst und Philosophie, Freiburg i.Br. 2005, S. 121–143, hier S. 129.

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Fields of research

Literature and other forms of art, Literature and cultural studies, Literature and natural science, Literature of the 16th century, Literature of the 17th century, Literature of the 18th century, Literature of the 19th century

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DFG-Kolleg-Forschungsgruppe »Imaginarien der Kraft«
Submitted by: Frederike Middelhoff
Date of publication: 11.04.2019
Last edited: 11.04.2019