CfP/CfA events

Materialistische Literaturanalyse im 21. Jahrhundert

Beginning
16.10.2020
End
17.10.2020
Abstract submission deadline
29.02.2020

Workshop, Humboldt Universität zu Berlin, 16./17.10.2020

Angesichts aktueller Debatten verwundert die eher schwache Ausprägung einer materialistischen Germanistik in der Gegenwart. Zwar erscheinen aktuelle Ansätze etwa des Ecocriticism oder der Digital Humanities durchaus anschlussfähig für die Entwicklung neuer materialistischer Literaturanalysen. In der Regel bleibt es aber bei eher oberflächlichen Anleihen natur- wie sozialwissenschaftlicher Termini. Genuin materialistische Beiträge zur literarischen Kritik prekärer Arbeit, zur Klimakatastrophe, zur ‚neuen Klassenpolitik‘ oder zu den digitalen Voraussetzungen der Gegenwartsliteratur mangeln.

Dass eine materialistische Diskursanalyse gerade in der Germanistik heute keine wichtige Rolle mehr spielt, lässt sich aus den Aporien der jüngeren Fachgeschichte erklären. Diskursanalyse im Sinne Foucaults firmiert als eine Form historischer Analyse, die gegenüber der Ideologietheorie Distanz wahrte und ihre Anleihen vorzugsweise bei der historischen Epistemologie nahm. Doch kann der Begriff des Wissens den der Ideologie ersetzen und der Begriff der Macht die Kategorie der Herrschaft, die für jede Ideologietheorie unabdingbar ist? Voraussetzung für letztere war lange Zeit ein Konzept der Klasse, das in den vergangenen Jahrzehnten durch systemtheoretische Gesellschaftsbegriffe verdrängt wurde, unter anderem durch intersektionale Ansätze der Genderforschung und postkolonialer Studien inzwischen aber wieder in den Fokus des Interesses rückt. Analysen, die sich auf die Diagnose von Klassenverhältnissen stützen, müssen sich allerdings selbst fortwährend davor hüten, nicht dem Ideologieverdacht anheimzufallen. Platzhalter materialistischer Ansprüche in der Literaturwissenschaft ist indes zu einem Teil auch die Medientheorie geworden. Paradoxerweise läuft jedoch gerade sie im Fall allzu technizistischer Argumentationen Gefahr, sich in denselben Sackgassen wiederzufinden, in denen die marxistische Theorie einst aus dem Blickfeld geriet.

Angesichts dieser Situation ist es ein bedenkliches Symptom, dass einige Arbeiten des materialistischen Diskursanalytikers Michel Pêcheux (1938-1983) erst vier Jahrzehnte nach deren Erscheinen erstmals ins Deutsche übersetzt wurden (Ideologie und Diskurs, Mandelbaum 2019). Die Übersetzung Pêcheuxs bietet aber zugleich einen möglichen Ausgangspunkt neuer materialistischer Analysen. Pêcheuxs Version der Diskursanalyse fokussiert weniger wissenschaftlich überlieferte Quellen als politische Sprechakte, die so alltäglich wie in ihrer Struktur komplex sind, und sie bezieht die sprachliche und rhetorische Gestalt von Äußerungen auf umkämpfte soziale Praktiken und mit ihnen verbundene Ideologien. Auch anlässlich der Pêcheux-Übersetzung scheint es deshalb geboten, die Landkarte materialistischer Literatur- und Diskursanalyse neu zu vermessen.

Wir bitten darum um Einsendungen kurzer Vorschläge für Problematisierungen und Präsentationen alter und neuer materialistischer Ansätze in der Literaturwissenschaft bis zum 29.02.2020 an Florian Kappeler (F.Kappeler@gmx.de) oder Roman Widder (widderrx@hu-berlin.de).

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Literature of the 21st century
Diskursanalyse ; Materialistische Literaturanalyse

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Online-Workshop „Materialistische Literaturanalyse im 21. Jahrhundert“
Date of publication: 22.11.2019
Last edited: 22.11.2019