Konferenzen, Tagungen

Buchstäblichkeit. Literatur und Liminalität IV

Beginn
01.12.2017
Ende
02.12.2017
„Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig.“ Unter dieser Maxime verband eine jahrhundertealte Tradition die Privilegierung des Sinns mit der Auslöschung seines materiellen Trägers. Der Zorn dieser Rebellion richtete sich gegen den noch älteren, religiösen Kult des Schriftzeichens, der sein Heil in der buchstäblichen Wiederholung und in der wörtlichen Bedeutung des Zeichens suchte. Übersetzer und Ausleger wissen, selbst wenn sie dagegen rebellieren, dass Buchstäblichkeit ein mächtiges Phantasma ist. Als „Buchstabilisten“ verspottete Martin Luther im Sendbrief vom Dolmetschen die Verfechter einer möglichst wortgetreuen Bibelübersetzung. Im Deutschen (das im Unterschied zu vielen anderen Sprachen zwischen „Wörtlichkeit“ und „Buchstäblichkeit“ unterscheiden kann) fungiert das Wort „buchstäblich“ als eine Art adverbialer Schwur, der den Wirklichkeitsbezug des Gesagten bezeugt. Nie scheint die deutsche Sprache den Tatsachen näher, als wenn sie buchstäblich wird – auch nicht dann, wenn sie etwas wörtlich wiedergibt. Darin steckt etwas vom kultischen Prestige des geschriebenen Buchstabens gegenüber dem gesprochenen Wort:

… der Vater aber liebt,
Der über allen waltet,
Am meisten, daß gepfleget werde
Der feste Buchstab, und Bestehendes gut
Gedeutet. Dem folgt deutscher Gesang.

(Hölderlin, Patmos)

Häufig ist der Glaube im Spiel, wenn auf wörtlicher Auslegung bestanden wird – dort nämlich, wo es um heilige Texte geht. Das Beharren bestimmter protestantischer Gruppen auf dem vermeintlich sicheren Fundament der wörtlichen Lektüre steht historisch am Ursprung des Begriffs „Fundamentalismus“. Die Tatsache, dass Fundamentalisten unter Umständen bereit sind, diese Art der Lektüre mit Gewalt durchzusetzen, deutet sowohl auf den enormen Wert, der dem wörtlichen Sinn zugeschrieben wird, als auch auf seine Instabilität. Eine kulturelle Allianz zwischen Wörtlichkeit und Aktion bzw. Gewalt zeichnet sich ab – wohingegen die Allegorie traditionell der Kontemplation, ja der melancholischen Passivität zugeordnet wird. Der wörtliche Sinn ist eifersüchtig und ausschließlich, denn es kann immer nur einen geben; der allegorische dagegen grüblerisch und handlungshemmend, denn er führt zur verwirrenden Vervielfältigung der Bedeutungen.

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Forschungsgebiete

Literaturtheorie, Schriftlichkeit, Literatur und Recht, Literatur und Theologie/Religionswissenschaften, Rhetorik
Buchstäblichkeit

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Datum der Veröffentlichung: 12.12.2018
Letzte Änderung: 12.12.2018