CfP/CfA Veranstaltungen

Heteronomie als Programm: Reportage-Literatur in der DDR

Beginn
06.05.2021
Ende
08.05.2021
Deadline Abstract
31.12.2020

Internationale Tagung, 6.-8. Mai 2021

Literaturhaus Halle/S.

Prof. Andrea Jäger/ PD Dr. Stephan Pabst

 

Die Erforschung der DDR-Literatur hat seit dreißig Jahren kaum neue Anstöße erhalten. Erst in jüngster Vergangenheit gibt es Versuche, das Forschungsfeld mit neuen Ansätzen wieder zu beleben. In diesem Zusammenhang will das Tagungsvorhaben die DDR-Reportageliteratur als Präzedenzfall des Anspruchs der DDR und der DDR-Literatur auf Modernität in den Blick nehmen. Die Bedeutung der Gattung für die Literatur aus der DDR ergibt sich zum einen aus der Stellung, die sie im Werk einer Reihe von AutorInnen (Renn, Noll, Hauptmann, Mundstock. H. und I. Müller, Endler, Fühmann, Reimann, Kirsch) hatte und zum anderen aus dem spezifischen Modernitätsanspruch der DDR-Literatur, der bis heute aus der Perspektive eines zumeist westlich geprägten Modernebegriffs nicht angemessen beschrieben werden konnte. In der Reportage erfüllte sich, ganz gleich wie man dann die Qualität der konkreten Reportagetexte beurteilt, der Anspruch der DDR auf Modernität idealiter, da es eine Gattung war, die sich unmittelbar mit dem Projekt der gesellschaftlichen Modernisierung als Gegenstand, als Beteiligung der AutorInnen an der Arbeit und der ArbeiterInnen an der Literatur kurzschlie­ßen ließ. Das gilt in besonderer Weise für die 1950er und 60er Jahre, in denen dann das Ideal der gesellschaftlichen Beteiligung des Autors zu erodieren beginnt. Das hat aber noch in den 80er Jahren Auswirkungen auf die enorme Bedeutung von Protokoll- und Reportage-Literatur (Wander, Scherzer), deren subjektiv-sentimentale Verfassung als Reflex des vormali­gen gesellschaftlichen Anspruchs der Reportage gelesen werden kann. Der auktoriale Anspruch und die kulturpolitische Erwartung einer heteronomen Literatur wird in dem Maß erfüllt, in dem Literatur tatsächlich zum sozialen Faktor wird, er scheitert in dem Maß, in dem der Anspruch auf Beteiligung unterbunden wird. Die Nachwirkungen dieser Vorgeschichte der Reportage lassen sich teilweise bis in die postsozialistische Literatur verfolgen, in der der Modernisierungsimpuls, der sich einmal mit ihr verband, eine sentimentale Wendung erfährt (A. Gröschner).

Die Tagung verfolgt unterschiedliche Erkenntnisinteressen: Sie möchte erstens die Reportage-Literatur der DDR überhaupt wieder sichtbar und für eine noch ausstehende (neue) Geschichte der Literatur aus der DDR zugänglich machen. Dabei geht es hier um eine Rekonstruktion der systematischen, programmatischen und historischen Faktoren, die dieser Gattung innerhalb der DDR-Literatur eine zentrale Bedeutung zukommen ließen.

Sie fragt zweitens nach dem Modernebegriff, der der Literatur aus der DDR immanent zugrunde liegt und demjenigen, der an sie herangetragen wurde. Es ist nicht die Intention der Tagung, die Literatur der DDR auf die Linie eines bestimmten, normativ-teleologischen Modernebegriffs zu bringen, wie das gelegentlich versucht wurde, indem man den Vorwurf der ‚Verspätung‘ (Emmerich) kurzerhand zum Vorsprung erklärte (Engler). 

Das Erkenntnisinteresse der Tagung richtet sich drittens auf eine Rekonstruktion der programmatischen Aufwertung der Reportageliteratur in der Sowjetunion der 20er Jahre. Dabei wäre auch zu prüfen, ob die von Georg Lukács Anfang der 30er Jahre lancierte Kritik der Reportage, nicht ihrerseits einer oberflächlichen Generalisierung seines dogmatischen Antimodernismus entspringt. Obwohl die Fürsprecher der Reportage von Tretjakow bis Ernst Ottwalt der Doktrin des sozialistischen Realismus buchstäblich zum Opfer fielen und die Literaturdebatten in der frühen DDR von einem ihrer schärfsten Kritiker dominiert wurden, spielen sie doch für deren Literaturverständnis zunächst noch eine zentrale Rolle.

Es geht ihr viertens um eine Rekonstruktion des programmatischen An­spruchs, der innerhalb des literarischen Feldes mit der Reportage-Literatur verbunden wurde. Dafür muss auch auf die Bitterfelder Konferenz ein neuer Blick geworfen werden, der die Modernisierungsintention zunächst einmal ernst nimmt, bevor an den Widersprüchen, in die die Gattung Anfang der 1960er Jahre geriet, gezeigt werden kann, wie der Modernisierungsimpuls an systemimmanenten Bedingungen scheiterte. Dafür wäre aber auch die ausgeprägte Berücksichtigung der Reportage in den Profilen von Literaturzeitschriften und Verlagsprogrammen heranzuziehen.

Schließlich wäre fünftens von Interesse, wie sich dieser Versuch einer Positionierung jenseits der Dichotomie Autonomie/Heteronomie mit einer Transformation von Schreibweisen, auktorialen Positionierungen und Produktionsästhetiken verbindet. Produktion, so die Vermutung, ist nicht nur deshalb ein beliebter Gegenstand der Reportage, sondern auch ein Medium, in dem ein anderes Verständnis textueller Produktion formuliert werden kann. 

 

Die Tagung soll vom 6. bis zum 8. Mai 2021 im Literaturhaus in Halle/S. stattfinden. Reise und Unterkunft werden erstattet. Vorschläge für Beiträge werden bis zum 31.12. 2020 an stephan.pabst@germanistik.uni-halle oder andrea.jaeger@germanistik.uni-halle.de erbeten.

Quelle der Beschreibung: Information des Anbieters

Forschungsgebiete

Literatur aus Deutschland/Österreich/Schweiz, Literatur des 20. Jahrhunderts
DDR-Literatur ; Heteronomie ; Reportage-Literatur

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Literaturhaus Halle (LHH)

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Halle (Saale)
Deutschland
Datum der Veröffentlichung: 09.11.2020
Letzte Änderung: 09.11.2020