CfP/CfA Veranstaltungen

CfP für die literaturwissenschaftliche Sektion «Ost und West in der Romania. Globale und regionale Vernetzungen der rumänischen Literaturen» auf dem Romanistentag in Augsburg, 04. — 07.10.2021

Beginn
04.10.2021
Ende
07.10.2021
Deadline Abstract
31.12.2020
Deadline Anmeldung
31.12.2020

Sektionsleitung: Romanița Constantinescu (Universität Bukarest / Universität Heidelberg) / Iulia Dondorici (Freie Universität Berlin)

Die Sektion hat ein doppeltes Erkenntnisinteresse: Sie möchte die rumänischen Literaturen im globalen Kontext ebenso in den Blick nehmen wie die mehrsprachigen Literaturen Rumäniens in ihrer Verschränkung mit der westlichen und südlichen Romania, und dabei das Potenzial der Rumänistik für eine transnationale, komparatistisch ausgerichtete Romanistik herausstellen.

Theoretische Grundlage der Sektion ist die Einsicht, dass nur eine relationale Epistemologie («nodal epistemology») erlaubt, die Wechselwirkungen im weltliterarischen System ohne west-eurozentrische Vergleiche und Verschiebungen in den Fokus zu rücken. Die Vielfalt der Literaturen, mit denen sich die Rumänistik beschäftigt, wird als ein Resonanzraum für die romanischen Literaturen des Westens und ihre bislang zu wenig beachteten Verflechtungen mit der südosteuropäische Geschichte verstanden. Solch ein Zugriff erlaubt auch, den Kanon der Romanistik zu hinterfragen, denn die Rumänistik ist in besonderem Maße dem Dialog zwischen den Literaturen der östlichen und westlichen Romania verpflichtet.

Umso kritischer ist der Umstand zu diskutieren, dass die rumänische Literatur lange Zeit als monokulturelle, einsprachige Nationalliteratur betrachtet wurde. Die paradoxe Erwartung einer Entwicklung vermeintlich ‚typisch rumänischer‘ literarischer Formen, die zugleich europäisches Format aufweisen sollten, führte zu einer starken Polarisierung. Zum einen richteten Literaturhistoriker*innen ihren Blick nach Westeuropa, insbesondere nach Frankreich, um dort ästhetische und kulturelle Modelle für die rumänische Literatur zu finden. Diese Deutung der Konstitution der modernen rumänischen Nationalliteratur basierte größtenteils auf der Idee eines Kulturtransfers von Westen nach Osten, wobei dieser Transfer als Bedingung und Grundlage lokaler Modernisierungsprozesse fungierte («der Westen im Osten»). Dieses Phänomen bezeichnete die Literaturwissenschaftlerin Monica Spiridon als «Selbstkolonisierung». Die entgegengesetzte Tendenz setzte mit der Suche nach einem vermeintlichen rumänischen Sonderweg ein («der Osten ohne Westen»).

Was solche binären Oppositionen (Ost-/Westeuropa) jedoch ausblenden, ist die stets vielfältige Einbettung der rumänischen Literaturen: sowohl in eine lokale Geschichtsregion, nämlich die der ost- und südosteuropäischen Regionen, als auch in ein « global design » (Walter D. Mignolo), welches weit über die Grenzen des europäischen Kontinents hinausgeht. Im 20. Jahrhundert steht der Beitrag rumänischsprachiger Schriftsteller*innen zu den gesamteuropäischen Avantgardebewegungen exemplarisch für diese mehrfache Einbettung, aber man kann sie weiterhin sowohl in früheren Epochen der Literaturgeschichte als auch in unserer globalisierten Gegenwart gleichermaßen erkennen. Unsere Sektion möchte dieses Phänomen der mehrfachen Bezüge in den Blick nehmen und es beispielhaft an den zahlreichen rumänischen und osteuropäischen Protagonist*innen in den Literaturen der gesamten Romania untersuchen. 

Schriftsteller*innen wie Anna de Noailles, Marta Bibescu/Marthe Bibesco, Ilarie Voronca, Benjamin Fundoianu/Fondane, Tristan Tzara, Mircea Eliade, Emil Cioran, Eugen Ionescu/Eugène Ionesco sind heute als «französische / frankophone Schriftsteller*innen rumänischer Herkunft» international bekannt. Ihr Werk wird indes zu einseitig im Rahmen entweder der rumänischen oder der französischen Literatur verhandelt. Auch Bezeichnungen wie «rumänisch-französische» Autor*innen sind keine Alternativen, sondern führen oft zu Marginalisierung in beiden Literaturgeschichten. Außerdem hatten diese wie zahlreiche andere Akteure*innen viel komplexere Lebens- und Schaffenswege, bei denen Frankreich letztlich nur eine von mehreren Stationen war. Mircea Eliade wurde zwar in Paris, wo er lange Jahre gelebt und gearbeitet hat, international bekannt, aber sein Oeuvre und sein Leben wurden ebenso entscheidend von seinen Aufenthalten in Indien, Portugal und den USA geprägt. Der rumänisch-jüdische Maler und Schriftsteller Emeric Marcier ließ sich in den 1930er Jahren in Paris nieder, musste aber in den 1940er Jahren nach Brasilien emigrieren. Solche Biographien verweisen zum einen auf die zentrale Rolle, die osteuropäische Protagonist*innen in den westlichen romanischen Literaturen spielen. Zum anderen wird deutlich, dass das Untersuchungsfeld über die westlichen romanischen Literaturen hinaus erweitert werden muss.  

Aus der von uns vorgeschlagenen Perspektive wird klar, wie sehr die westlichen Literaturen und ihr Kanon durch emigrierte rumänische Schriftsteller*innen modelliert wurde. Eugène Ionesco oder Emil Cioran spielten eine wichtige Rolle im französischen Literaturfeld der Nachkriegszeit — doch welche Aspekte ihres Schaffens werden in der Rezeption außer Acht gelassen? Welche Aspekte rücken dafür in den Mittelpunkt? Wie kann man in der Rezeption gerade der mehrfachen Einbettung dieser Autor*innen gerecht werden? Unter welcher Fragestellung können wir nicht zuletzt die vergessenen osteuropäischen Protagonist*innen in der Romania in den Blick nehmen?

Damit verbunden ist die zweite Frage, die im Fokus unserer Sektion steht: Welchen Beitrag kann die Rumänistik in diesem Zusammenhang leisten? Unser Interesse zielt auf die Entwicklung des Fachs selbst, so wie sie sich im deutschsprachigen Raum der vergangenen Jahrzehnte geschlagen hat.Dieser zweite thematische Schwerpunkt soll im Rahmen eines runden Tisches am Nachmittag des 7.10. abschließend diskutiert werden. 

Sprachen der Sektion sind Deutsch, Rumänisch, Französisch und Englisch. 

Abstracts für Sektionsbeiträge (max. 500 Wörter inkl. Bibliographie ) erbitten wir bis zum 31. Dezember 2020 an romanita.constantinescu@rose.uni-heidelberg.de und dondorici@zedat.fu-berlin.de

Ausgewählte Literaturhinweise:

Pascale Casanova: La République mondiale des Lettres [1999]. Éd. revue et corrigée. Paris 2008.

Manuela Boatcă: Laboratoare ale modernității. Europa de Est și America Latina în (co)relație. Cluj 2020.

Ottmar Ette : WeltFraktale: Wege durch die Literaturen der Welt. Stuttgart2017.

Mircea Martin,Christian Moraru,Andrei Terian (eds.): Romanian Literature as World Literature. New York 2017.

Walter Mignolo : Local Histories, Global Designs [2000]. New Jersey 2012.

Mihaela Ursa: Identitate și excentricitate: Comparatismul românesc între specific local și globalizare. Bukarest 2013.

Quelle der Beschreibung: Information des Anbieters

Forschungsgebiete

Französische Literatur, Südosteuropäische Literatur (Albanien, Balkanstaaten, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Türkei), Literaturgeschichtsschreibung (Geschichte; Theorie)
Romanische Sprachen und Literaturen Rumänische Literaturen Literaturen der Welt

Ansprechpartner

Einrichtungen

Deutscher Romanistenverband (DRV)

Verknüpfte Ressourcen

Veranstaltungen

Europa zwischen Regionalismus und Globalisierung (XXXVII. Romanistentag)
Beitrag von: Iulia Dondorici
Datum der Veröffentlichung: 06.10.2020
Letzte Änderung: 06.10.2020