CfP/CfA Veranstaltungen

Wilhelm Tell als politische Ikone

Beginn
12.03.2020
Ende
13.03.2020
Deadline Abstract
15.10.2019

Internationale und interdisziplinäre Tagung

Wilhelm Tell, eine politische Ikone

Rennes (Frankreich), 12.-13. März 2020

Wissenschaftliche Koordination: Jean-François Candoni, Isabelle Ruiz, Alexis Tautou

Wissenschaftlicher Beirat: Régine Battiston (Université de Haute-Alsace), Anne-Marie Gresser (Université de Caen), Marc Lacheny (Université de Lorraine), Barbara Naumann (Universität Zürich), Mathieu Schneider (Université de Strasbourg), Peter Utz (Université de Lausanne)

Die Figur Wilhelm Tells, deren historische Wirklichkeit, wie sie das Weiße Buch von Sarnen (1470) und die Chronik Aegidius Tschudis (1569-70) überliefern, nie definitiv belegt wurde, entwickelte sich rasch zu einem politischen Leitbild, bei dem Geschichte und Mythos auf einzigartige Weise miteinander verschränkt sind.

Auf der Tagung soll der Versuch unternommen werden, die historischen, mythischen, literarischen und künstlerischen Wandlungen zu untersuchen und miteinander zu konfrontieren, die die Sage vom aufbegehrenden Schweizerischen Helden in verschiedenen Zeiten (vom 18. bis zum 21. Jahrhundert) und Kulturräumen (die weltweite Verbreitung des Schweizerischen Nationalhelden ist eine höchst bemerkenswerte Erscheinung) erfuhr. Dabei soll die große Vielfalt an medialen Formen berücksichtigt werden, die den Stoff aufgegriffen und künstlerisch umgesetzt haben: Drama, Erzählung, Oper, Film, bildende Künste, Comics usw.

Nachgegangen wird insbesondere der Frage, wie Tells ruhmvolle Taten als Projektionsfläche für politische Darstellungen dienen, die eigentlich unterschiedlichen politischen, ideologischen und ästhetischen Strömungen entstammen; es gilt nachzuvollziehen, wie sich deutsche, französische, italienische und sogar amerikanische Künstler und Denker mit dieser Kultfigur identifizieren konnten, um die sich anfänglich nationale Bestrebungen der Schweiz kristallisierten.

Von der Gestalt Wilhelm Tells ausgehend soll die Gelegenheit geboten werden, die Mechanismen der Herstellung und Instrumentalisierung von politischen Leitbildern und Symbolen zu ergründen. Ist eine Figur wie Wilhelm Tell nur eine Ikone geworden, d.h. ein Zeichen, das auf eine komplexe Wirklichkeit hinweist, allerdings langsam zu einer Art Stereotyp erstarrt, mit dem sich also leicht spielen lässt? Oder sollte vielmehr die Heldenfigur als ein Symbol betrachtet werden, das sich weder auf einen bestimmten Begriff noch einen verschlüsselten Sinn reduzieren lässt, ganz im Sinne Umberto Ecos, dem zufolge ein Symbol den Interpreten nicht auf eine kulturelle Kompetenz verweise, die im Vorhinein verschlüsselt worden sei?

Durch ihren Charakter visueller Evidenz hat es jedoch die Ikone mit dem Symbol gemeinsam, dass beide sich in Form eines sinnlich wahrnehmbaren Bildes manifestieren: Der Sinn des Symbols stecke, so Hans-Georg Gadamer, in seiner „Vorzeigbarkeit“. Dem Tell-Mythos insbesondere fehlt es nicht an ins Auge stechenden Symbolen, so zum Beispiel der Hut des Habsburger Landvogts Gessler, Apfel und Armbrust, die stürmische Bootsfahrt auf dem Vierwaldstättersee und der Rütlischwur. Die mit der Sage einhergehende Topografie sollte auch nicht übersehen werden, nämlich: die Rütliwiese, die Hohle Gasse bei Küssnacht, die Tellskapelle, die Burg Zwing-Uri sind mehrfach Gegenstand künstlerischer Darstellung gewesen.

Der Erfolg des Wilhelm Tell-Stoffes ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Erzählung in den meisten Überlieferungen mit dem Triumph der Aufständischen und der Niederlage des Tyrannen endet. Dennoch sollte das Thema des Tyrannenmords nicht umgangen werden, das einen Schatten auf diese Sternstunde wirft: Daher könnte der verstärkte Anklang untersucht werden, den dieses Thema infolge der Französischen Revolution fand. Dass der Aufstand einen glücklichen Ausgang erfährt, geht auch darauf zurück, dass der Mythos eine Hinterfragung der Mittel und Wege zur Herstellung einer dauerhaften neuen politischen Ordnung sorgfältig aus dem Spiel lässt. Daran scheiterten aber eben die meisten Leitfiguren der europäischen Geschichte, die sich an politischen Aufständen beteiligten. In dieser Hinsicht wäre es sinnvoll, Wilhelm Tell mit anderen berühmten historischen bzw. sagenhaften Rebellen zu vergleichen wie Cola di Rienzo, Savonarola, Thomas Müntzer, Johann von Leyden oder Masaniello.

Die zwei bekanntesten Fassungen des Tell-Mythos, das Bühnenstück Friedrich Schillers (1804) und Gioachino Rossinis Oper Guillaume Tell (1829), sollen im Rahmen des Symposiums ihrem Bekanntheitsgrad gemäß eine gebührende Würdigung erfahren. Ein besonderer Wert sollte jedoch auch anderen Werken beigemessen werden, etwa den Schöpfungen französischsprachiger Schriftsteller von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, insbesondere aus der Zeit der Französischen Revolution: Antoine Marin Lemierres Trauerspiel aus dem Jahre 1766, das sich mit der auf Deutsch abgefassten Tragödie des Jesuiten Joseph Ignaz Zimmermann (1777) vergleichen ließe, Grétrys und Sedaines opéra-comique (1791) und die Erzählung Jean-Pierre Claris de Florians (1794). Nicht zu vergessen sind schließlich auch spätere Ausformungen des Mythos wie beispielsweise die von Lamartine verfasste Biographie Tells (1863), die vom Schweizer Max Frisch durchgeführte Dekonstruktion des Mythos in seinem Wilhelm Tell für die Schule (1971), die auf der Legende fußenden Filme (angefangen bei Georges Méliès’ Wilhelm Tell und der Clown, 1898) oder die Comics-Reihe, die René Wuillemin zwischen 1984 und 1994 den Abenteuern des Schweizerischen Helden widmete. Die hier angeführten Beispiele sind selbstverständlich nicht als restriktive Aufzählung zu verstehen.

Bitte senden Sie bis zum 15. Oktober 2019 eine kurze Zusammenfassung des geplanten Vortrags an eine der folgenden Adressen: jean-francois.candoni@univ-rennes2.fr / isabelle.ruiz@univ-rennes2.fr / alexis.tautou@univ-rennes2.fr

Quelle der Beschreibung: Information des Anbieters

Forschungsgebiete

Literatur aus Deutschland/Österreich/Schweiz, Literatur und Kulturwissenschaften/Cultural Studies, Stoffe, Motive, Thematologie, Literatur des 18. Jahrhunderts, Literatur des 19. Jahrhunderts, Literatur des 20. Jahrhunderts, Literatur des 21. Jahrhunderts
Wilhelm Tell

Links

Ansprechpartner

Einrichtungen

Université Rennes 2

Adressen

Rennes
Frankreich
Datum der Veröffentlichung: 20.09.2019
Letzte Änderung: 20.09.2019