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Naives Erzählen

Deadline Abstract
31.10.2018

Naives Erzählen

Kindliche, künstliche und manierierte Erzählweisen in der deutschen Gegenwartsliteratur

In der hochdifferenzierten Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft bleibt wenig Platz für das Direkte, Ungeformte und Einfache. Die an Komplexität stetig zunehmende Erfahrungswelt findet auch in der Literatur ihren Widerhall: Vor allem in Textformen wie der Autofiktion, der Geschichtsfiktion oder anderen experimentellen Genrevariationen sorgen Techniken und Verfahren wie abrupte Erzählbrüche, unzuverlässige Erzählerfiguren, Zeit- und Perspektivenwechsel für eine den Erzählfluss immer wieder komplizierende und störende Leseerfahrung. Jedoch lässt sich in der neueren deutschsprachigen Literatur auch eine scheinbar gegenläufige Tendenz ausmachen: das naive Erzählen.

Gerade in der jüngsten Gegenwartsliteratur nach 1989 erfahren Erzählkonfigurationen eine signifikante Aufwertung, die wir provisorisch mit einem literaturtheoretisch älteren Begriff beschreiben wollen: Formen des naiven Erzählens. Es sind Außenseiter, Fremde, Kinder, Cyborgs oder Tiere, die mit frischem Blick auf eine ihnen rätselhafte Welt sehen. Dabei treten die Reduktion narrativer Komplexität sowie eine ausgestellte Natürlichkeit bzw. Verbundenheit mit der Natur immer wieder hervor.

Was die Sektion interessiert, sind Formen und Verfahren, mittels derer eine zunehmend komplexe Realität in der entwaffnenden Eleganz eines scheinbar einfachen Erzählens dargestellt wird und die so neue Aspekte und Interpretationswege eröffnen: Jenseits von Genre-Demarkationen – wie etwa des Pikaresken – bewährt sich der Gestus des Naiven als Schlüssel, der die Codes der bekannten Welt verwirrt, um „die Differenz zwischen real und irreal, wahr und falsch auszusetzen, aufzuheben, mit ihr zu spielen“ (Koschorke 2008).

Im Fokus stehen Textbeispiele aus unterschiedlichen Genres der Literatur seit 1989 (Kinder- und Jugendliteratur, Interkulturelle Literatur, Migrationsliteratur, Literatur der Shoah, Reiseliteratur, Science-Fiction u.v.m.), die jeweils in eigenen Blöcken besprochen werden. Anhand von Textbeispielen soll Naivität in narratologischer Perspektive analysiert, innerhalb des Spannungsverhältnisses zwischen Erzähler und Figur verortet und interpretiert werden. Es soll sowohl die Darstellung einer naiven Figur durch einen auktorialen Erzähler als auch die ästhetische Inszenierung naiven Erzählens in den Fokus genommen werden.

Aufbau

So wird in der Interkulturellen Literatur Naivität zumeist aus der Perspektive sozialer Minderheiten gezielt eingesetzt, um die Erfahrung von Migration oder Flucht zu simulieren und Fremd- sowie Selbstkonzepte neu zu verhandeln (vgl. Emine Sevgi Özdamars Sonne auf halbem Weg, Abbas Khiders Die Ohrfeige). In der Kinder- und Jugendliteratur wird mit dem naiven Kinderblick das (vermeintliche) Wissensgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen versinnbildlicht, oftmals aber auch subvertiert (vgl. u. a. die Werke von Astrid Lindgren, Christine Nöstlinger und Mirjam Pressler). In der dystopischen Literatur ermöglicht die naive Figurenperspektive einen unverstellten Blick auf die neuen Lebensbedingungen des Planeten Erde, die genmanipulierte oder synthetische Geschöpfe schlüssiger erfassen als der ums Überleben kämpfende Mensch (vgl. Dietmar Daths Abschaffung der Arten und Michael Marraks Der Kanon mechanischer Seelen).

Begriffsgeschichte

In der Begriffsgeschichte des Terminus zeichnet sich eine Verschiebung vom empfindsamen Antirationalismus hin zur strategischen Abwehr normativer Wissensordnungen ab. Während der Mythos des Genies als säkulare Kulthandlung entlarvt wurde, hat sich die Möglichkeit ungekünstelten Sprechens auf die Figur des Naiven zurückgezogen: Die Aufklärung nutzte den Begriff noch zur Positionsbestimmung moderner Poetologien (die Querelle des Anciens et des Modernes in Frankreich und Schillers Traktat Über naive und sentimentalische Dichtung). Im späten neunzehnten Jahrhunderts avancierte er zum Kampfbegriff gegen den Verfall der bürgerlichen Zivilisation (u. a. in Baudelaires Apologie des Barbarischen). Heutzutage wird er mitunter als entlastende Überlebensstrategie innerhalb der Informationsgesellschaft angesichts der übermächtigen Quantität des Wissens und seiner normativen Ordnung heranzitiert (vgl. Peter Wehling Vom Nutzen des Nichtwissens). In der Literaturgeschichte ist die naive Perspektive auf die Welt für die Gestaltung des Protagonisten im Bildungsroman wichtig. Sie entfaltet sich in Narren- und Schelmenromanen zu einer Form inszenierter Naivität, die in der Gegenwartsliteratur neue Spielformen zeigt: Naivität fällt hier nicht, wie in seiner Etymologie angelegt (vgl. DWB), mit Nicht-Wissen, Aufrichtigkeit oder wirklicher Einfalt zusammen, sondern wird als ein narratives Spiel mit den Kategorien der (Re-)Präsentation und Sinngebung eingeführt. Dargestellt wird eine erzählerische Haltung bzw. figurale Ausformung, die sich mit den schwierigen Prozessen der Bewusstseinsbildung, der Hervorbringung von Moralität und der Möglichkeit von Erkenntnis auseinandersetzt.

Anwendungsbereiche und Fragen

Im Zuge dessen stehen Fragen im Vordergrund wie:

  • In welcher Form wird Naivität produziert? Welche Verfahren und Diskurse werden dazu ins Spiel gebracht?
  • Worin besteht der Nutzen des Naiven? Welche Erkenntnisse erlaubt es?
  • Welche vermeintlichen Gewissheiten, welches Wissen wird dekonstruiert?
  • Wie steht Naivität im Verhältnis zu Kategorien des Verdrängens, Vergessens und Verschweigens? Inwiefern werden naive Erzählstrategien genutzt, um Traumatisches zur Sprache zu bringen?
  • Hiermit verbunden sind auch Fragen der Machtverteilung: Durchschaut der Erzähler/die Figur die eigene Naivität? Oder weiß er/sie nichts von den Informationen, die er/sie preisgibt?
  • Inwiefern spielt die Kategorie des Vertrauens (zwischen Leser und Text, von Figur zur Welt) eine wichtige Rolle?
  • Und nicht zuletzt: Was sagen die naiven Erzähler und Figuren über die Konstitution unserer Welt aus?

Organisatoren:

  • Dr. Johannes Kaminski (Universität Wien)
  • Dr. Andree Michaelis-König (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder / Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien)
  • Dr. Julia Boog (IFK, Wien)
  • Lena Ekelund (Universität Hamburg)
Quelle der Beschreibung: Information des Anbieters

Forschungsgebiete

Literatur aus Deutschland/Österreich/Schweiz, Erzähltheorie, Literatur des 20. Jahrhunderts, Literatur des 21. Jahrhunderts
Naivität, Gegenwartsliteratur

Links

Adressen

Palermo
Italia
Datum der Veröffentlichung: 12.12.2018
Letzte Änderung: 03.01.2019