CfP/CfA Veranstaltungen

Formen, Praktiken, Dynamiken literarischen Schreibens vom Mittelalter bis zur klassischen Moderne

Beginn
06.10.2020
Ende
08.10.2020
Deadline Abstract
30.11.2019

Organisation: Dr. Katja Barthel und Nina Oppermann (Universität Osnabrück)

Literarische Schreibprozesse, ihre Formen, Praktiken und Dynamiken ziehen in jüngster Zeit verstärkt das Interesse der philologischen Forschung auf sich. Allerdings mangelt es bisher immer noch an einem historisch-systematischen Zugang, der das innovative Forschungspotential der Schreibprozessforschung für die historisch arbeitenden Philologien bündelt. Auf der geplanten Tagung sollen Ansätze, Methoden und Modelle der mittlerweile breit gefächerten (inter-)disziplinären Schreibprozessforschung in systematischer Hinsicht erkundet und für eine dezidiert historische Schreibprozessforschung fruchtbar gemacht werden.

Zeugnisse der Thematisierung, Inszenierung und der kritischen Reflexion von literarischen Schreibprozessen finden sich in vielfältigen Medien, Gattungen und Textsorten, die entweder peritextuell an das literarische Zeugnis gebunden sind (wie Vorreden, Dedikationen, Korrekturvermerke, Annotationen, intradiegetische Digressionen) oder epitexuell erschlossen werden müssen (wie Manuskriptentwürfe, Briefe, Tagebucheinträge, Notizhefte, Interviews, Radio- oder Fernsehsendungen u.v.m.). Schon die Aufzählung lässt erkennen, dass es sich bei diesen Quellen zur Rekonstruktion sogenannter „Schreib-Szenen“ (Stingelin/Giuriato/Zanetti 2004, im Anschluss an Campes viel beachtetes Modell der „Schreibszene“ 1991) um Dokumente höchst unterschiedlicher Art handelt, deren Aussagequalität ausgesprochen variiert.

Je nach Verortung der (Selbst- oder Fremd-)Aussage im jeweiligen historischen Setting medialer, soziokultureller, technischer und nicht zuletzt individuell höchst idiosynkratisch gestalteter Schreibarrangements können sich mit den zu untersuchenden Quellen unterschiedliche Funktionen verbinden, die sich zudem oft überlagern (‚intersection‘). Auch Gattungstraditionen und Gattungsspezifika sind entscheidend. So eröffnet z.B. der Prolog im mittelalterlichen Versroman oder die Vorrede im frühneuzeitlichen Prosaroman potentiell einen Raum, in dem Hinweise zum Verfasser oder zum Prozess des Schreibens untergebracht werden können (und der in dieser Weise für frühneuzeitliche Lyrikdrucke untypisch ist), doch ist dieser Raum hochgradig rhetorisch kodiert (Bein 1999). In der Tradition des exordium stehend, gehört der Humilitastopos zum Gattungsinventar der Vorrede und kann nur bedingt als Kommentar oder (Selbst-)Aussage der in der Vorrede auftretenden Sprecherinstanz im Verhältnis zum vorliegenden Text interpretiert werden. Überhaupt ist die Zuordnung von Sprecherinstanzen problematisch: Viele vormoderne Texte erscheinen anonym, pseudonym oder werden erst (nachträglich) einem bestimmten Verfasser/Autor zugewiesen (Fremdsignatur). Anonymität und Pseudonymität sind in der Vormoderne typische Publikationsformen, verbunden mit historisch variablen Konzepten von Autorschaft, bei denen potentiell immer auch diverse Drucker, Setzer, Nachdrucker, Korrektoren oder Koautoren mitgedacht werden müssen (Woodmansee 1992).

Für moderne Werkzusammenhänge hingegen scheinen die Verhältnisse beinahe umgekehrt, wenn AutorInnen sich in unterschiedlichen Kontexten und Paratexten bisweilen geradezu ostentativ als Urheber ihrer Werke inszenieren. Nicht selten geben sie dabei  Einblick in ihre Arbeitsumgebung und ihre Schreibprozesse. Doch auch hier bleibt der Zeugniswert solcher Inszenierungen fraglich, ist das Sprechen über das eigene Schreiben doch Teil unterschiedlicher „Autorposen“ (Alexander M. Fischer 2016), die als fortwährende „Arbeit am Autor-Label“ nicht selten den Modus eines ‚Vorlasses‘ anzunehmen scheinen. Relativ unstrittig ist: Literarische Praktiken und die Organisation von Schreibprozessen variieren und interagieren mit strukturellen Bedingungen des Literaturbetriebes, sie beeinflussen den Umgang mit Dichtung, deren Rezeption und somit auch die (Selbst-)Präsentation des schreibenden Subjekts. Hermeneutische Ordnungsinstrumente wie das Konzept des Autors, damit zusammenhängende, für die Literaturwissenschaft zentrale Begriffe wie Text, Werk, Œuvre, Kreativität oder das Verhältnis von Text, Paratext, Kontext müssen folglich in ihrer historischen Variabilität berücksichtigt und in die Analyse von Schreibprozessen einbezogen werden.

Vielfältige literaturhistorische, theoretische und methodologische Fragestellungen ergeben sich für eine historische Schreibprozessforschung:

  1. Schreiben und Schreibprozesse als beschriebenes Sujet und inszenierter Gegenstand im (literarischen) Text: Wie und wo werden Schreiben, Schreiborte, Schreibmaterialien, Schreibumgebungen/-settings, deren Akteure, Interessen und Interaktionen thematisiert? Aber auch: Wie beeinflussen Erzählstrukturen und formale (Gattungs-) Konventionen die Schreibplanung und entsprechende Schreibpraktiken? Welche Informationen räumlicher, zeitlicher, gestisch-körperlicher, technologischer oder soziokultureller Art geben die Quellen preis, was bleibt (und warum) offenbar unbenannt?
  2. Reflexion über das Schreiben im Medium literarischer Darstellungs- und Reflexionsformen: Welche Funktionen verbinden sich mit dem Schreiben über das Schreiben? Welche ästhetischen Konzepte sind relevant (Kreativität, Otium/Ingenium, Superbia), welche ästhetischen Modi, Konventionen (Stereotype/Denkfiguren) werden bemüht? Entstehen Interferenzen oder (unintendierte) Effekte (‚Feedback-Schlaufen‘) aufgrund der Tatsache, dass die Reflexion über literarisch-ästhetische Handlungsabläufe auf ästhetische Modi wie das metaphorische Sprechen angewiesen ist (Stichpunkt ‚Schreib-Fluss‘ u.ä.)? Welche Semantiken des Schreibens 2. Ordnung entstehen?
  3. Soziokulturelle und ökonomische Bedingungen des (literarischen) Schreibens: Formen, Strukturen und Bedingungen des Buchhandels und des literarischen Marktes; sozioökonomische Netzwerke zwischen Autor-Verleger-Drucker-Setzer-Korrektor; Autorennetzwerke zwischen Kooperation und Konkurrenz (kollektive Autorschaft, Autorinnenfreundschaften, literarische Streitkultur, Literaturkritik, Autorenfehden). Welchen Einfluss haben Diskursinstanzen wie Wissenschaft, Justiz, Politik (Zensur- und Pressewesen) auf die kulturelle Akzeptanz und Legitimität von Schreibprodukten und die Organisation von Schreibprozessen? Welchen Informationswert haben Korrekturen konzeptioneller und inhaltlicher Art, die sich durch den Vergleich verschiedener Ausgaben identifizieren lassen, aber in den jeweiligen Einzeldrucken z.T. inkonsequent umgesetzt wurden? Welche Rückschlüsse auf den zeitlichen Entstehungsprozess des Textes und zum Zusammenspiel der verschiedenen beteiligten Instanzen sind dadurch möglich?
  4. Historische Schreibpraktiken und die ‚Sprache der Objekte‘: Welche (musealen) Schreibobjekte, wie Schreibmöbel, Arbeitszimmer, Schreibmaterialien und Utensilien (‚Schreibkästchen‘) können Auskunft über Schreibpraktiken und Abläufe des Schreibprozesses geben? Welche raumzeitlichen Koordinaten lassen sich über die Objekte erschließen? Welche Schreibroutinen, Vorlieben und Gewohnheiten verbinden sich damit? Wie wurde die spezifische (räumliche, materielle, konzeptionelle) Ordnung der Objekte dokumentiert oder retrospektiv umorganisiert?
  5. Methodologische und literaturhistorische Fragestellungen: Wie lassen sich implizite Informationen, die offensichtlich ausgespart bleiben und dokumentarische Leerstellen bilden, identifizieren und rekonstruieren (‚black-boxing‘)? Welche Quellen sind dazu geeignet, welche interpretatorischen Prämissen liegen ihrer Nutzung zugrunde? Welche signifikanten Merkmale weisen Gattungen auf, die sich besonders gut als textuelles Speichermedium für Schreibprozesse eignen (‚ergebnisoffene‘, sukzessive Formen wie Notizheft, Skizzenbuch, Tagebuch u.a.)? Gibt es historische Konjunkturen des Schreibens über das Schreiben?

Erwünscht sind historische Einzelanalysen vom Mittelalter bis zur klassischen Moderne sowie theoretische Beiträge, die für die systematische Einbindung in diachroner Perspektive geeignet sind.

Die Tagung findet voraussichtlich vom 06.–08.10.2020 an der Universität Osnabrück statt. Die Übernahme der Reise- und Unterbringungskosten wird angestrebt.

Interessierte Kolleginnen und Kollegen sind herzlich eingeladen, einen Beitragsvorschlag (Abstract von max. 800 Wörtern) sowie einen kurzen CV bis 30.11.2019 an Katja Barthel (katjabarthel@uni-osnabrueck.de) und Nina Oppermann (nina.oppermann@uni-osnabrueck.de) zu senden.

Quelle der Beschreibung: Information des Anbieters

Forschungsgebiete

Literatur und Kulturwissenschaften/Cultural Studies, Literatur des Mittelalters (6.-13. Jh.), Literatur der Frühen Neuzeit (14. und 15. Jh.), Literatur des 16. Jahrhunderts, Literatur des 17. Jahrhunderts, Literatur des 18. Jahrhunderts, Literatur des 19. Jahrhunderts, Literatur des 20. Jahrhunderts
Schreiben ; Schreibpraktiken ; Schreibweisen ; Schreibformen ; Schreibdynamiken

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Osnabrück
Deutschland
Datum der Veröffentlichung: 05.08.2019
Letzte Änderung: 05.08.2019